Helga Goetze
Ficken ist Frieden

7. September – 30. Oktober 2019
Eröffnung: 6. September, 18 – 22 Uhr

  • Indianische Astrologie, 1984 - 1985, Stickarbeit, Baumwolltwist, Metallfäden und Nessel,
    126 x 180 cm

Helga Goetze (* 1922 in Magdeburg, † 2008 in Winsen), als Künstlerin auch Helga Sophia, war in Hamburg, später in Berlin, als Künstlerin, Schriftstellerin und politische Aktivistin tätig.

1972 gründete sie das Institut für Sexualinformation und veröffentlichte ihren ersten Gedichtband Hausfrau der Nation oder Deutschlands Supersau. Später pflegte Goetze Kontakte zur Kommune des Wiener Aktionskünstlers Otto Mühl und war im Hamburger Veranstaltungszentrum „Fabrik“ aktiv. Nach ihrem Umzug nach Berlin 1978 begann die Künstlerin, ihre tägliche Mahnwache zur sexuellen Befreiung der Frau vor der Technischen Universität und der Berliner Gedächtniskirche abzuhalten. In Berlin gründete sie auch die „geni(t)ale Universität“ als Galerie und offenes Museum. Gespräche mit Rosa von Praunheim führten 1982 zu dem Film Rote Liebe. Mit der Fernsehsendung Neue Nackte, neue Einsichten (1982), in der Goetze sich vor laufender Kamera auszog, und bei diversen Auftritten in Fernsehtalkshows in den 1990er Jahren provozierte sie medienwirksam die öffentliche Diskussion. Im Jahr 2000 gründete sie mit Freund*innen den Verein Metropole Mutterstadt e.V. und 2003 drehte Monika A. Wojtyllo den Film Sticken und Ficken über die Künstlerin, der auf verschiedenen Festivals gezeigt wurde.

Goetzes Arbeiten wurden im Rahmen zahlreicher Veranstaltungen, Lesungen und Ausstellungen präsentiert; unter anderem im Museoteatro della Commenda di Prè in Genua; auf der Triennale in Bratislava, Slowakische Nationalgalerie, Bratislava; dem Complesso Museale Santa Maria della Scala, Siena; sowie Museum im Lagerhaus, St. Gallen. Seit 2007 sind ihre Stickereien Teil der Collection de L’Art Brut in Lausanne und werden dort dauerhaft ausgestellt. Seit 2014 befindet sich der schriftliche Nachlass der Künstlerin im Archiv des Frauenforschungs-, Bildungs- und Informationszentrum Berlin.



Silberne Fäden ziehen sich durch jedes Wesen und durch jede beseelte Form von Leben in Helga Goetzes monumentaler Stickerei, Indianische Astrologie. Sie zeigt eine Landschaft der spirituellen Einheit und Verbundenheit, bewohnt von friedlichen Lebewesen, von denen die meisten mit einer Sache beschäftigt sind – Ficken.

Helga Goetzes Credo lautete: „Ficken ist Frieden“, eine Aussage, die in ihren mehr als 3000 Gedichten, Zeichnungen, erotischen Tapisserien und in ihrem Aktivismus immer wiederkehrt. In ihr umfangreiches Werk ist eine Überzeugung, eine gewisse Form des Glaubens, eingeschrieben – Sex als Pfad der Erkenntnis zu den unsichtbaren, verborgenen, unbegreiflichen Facetten unseres Daseins und unserer Existenz. Während ihrer Proteste, die sie täglich alleine vor der Gedächtniskirche in Berlin bestritt, hätte sie auch von Liebe, oder vom Liebemachen, sprechen können, aber Goetze bevorzugte es, den Kern ihrer Überzeugung als Ficken zu bezeichnen. Eine bewusst gewählte Formulierung und Provokation einer Frau in ihren Siebzigern, die damals bezeichnend war und es heute immer noch ist.

Kontinuierlich bewegt sich Goetzes Praxis zwischen der Bejahung von Lust einerseits und einer Faszination für die Unterdrückung von und Angst vor weiblicher Lust andererseits. Ihre Stickereien sind großformatige, vielschichtige und zugleich harmonisch ausgewogene Kompositionen aus Bild und Text in leuchtenden Primärfarben. Diese Werke sind Verwahrungsorte einer durch repetitive und präzise Arbeit definierten Zeit, die im Raum zwischen Geist und Hand ihren Platz hat. Goetze wählte eine Form der Handarbeit, die traditionellerweise mit der Unterdrückung der Frau assoziiert wird, und erweiterte deren gestalterische Grenzen und deren Ausdruck für ihre radikalen Visionen von Liebe, Mutterschaft und Zusammenleben. Ihre Gedichte und Textarbeiten oszillieren zwischen der Suche nach einem Zustand tiefer Wahrhaftigkeit – ein sprachlich nuancierter spiritueller Ausblick – und einer in der eigenen Überzeugung stark verwurzelten Kritik des Patriarchats: „mit der Verachtung der Frau beginnt das Ende der Welt.“ Ihre auf Schildern gestalteten Textkompositionen lassen ein Denksystem erkennen, das von verbindenden Linien zusammengehalten wird. Im Schreiben fand Goetze eine Ausdrucksform, in der sich ihr systemisch-intuitives Denken gewissermaßen auskristallisierte, und transportieren ließ – „Zur Welt kommen ist zur Sprache kommen.“1

Goetze heiratete jung und verbrachte die erste Hälfte ihres erwachsenen Lebens als Hausfrau und Mutter. Mit Mitte vierzig erlebte sie eine wirkmächtige sexuelle „Erleuchtung“ und lebte daraufhin für einige Jahre in Hamburg und Berlin in Kommunen, die freie Liebe propagierten, bevor sie in ihrer eigenen Wohnung die „Genitale Universität“ gründete. Die Kraft, die ihre Arbeit und ihr Denken vorantrieb, definierte sich in der Verabschiedung von den Idealen der Kontrolle und Ordnung – von den bereinigten und, in Goetzes Worten, „neurotischen Idealen der Kleinfamilie“.2 Perversion ist, in ihrer Arbeit, die strukturelle „Perversion“ normativer Lustvorstellungen und die damit verbundenen Kontrollbestrebungen. Ein in ihrer Bildsprache wiederkehrendes Symbol der Dominanz und Infantilisierung ist der ausgestreckte Zeigefinger. Einer ist streng erhoben und gehört einem Mann, ihrem Vater. „Man sieht nicht und man faßt nicht an“, steht daneben. Und auf der anderen Seite die Mutter mit den Worten: „Das stinkt.“3

Über Liebe, Lust und Freude zu sprechen, ist in Goetzes Arbeit sowohl Bekenntnis zu einer Art und Weise des Zusammenlebens als auch bewusster Akt der Subversion. Die tiefsitzende Angst vor weiblicher Sexualität, insbesondere vor derjenigen einer älteren Frau, erlangte zentrale Bedeutung in Goetzes Werk und die Künstlerin erforschte dieses Phänomen durch ihren ganz eigenen mythologischen Wort- und Bildschatz. Goetzes künstlerische Praxis ist von einem sehr spezifischen zyklischen Verständnis von Zeit geprägt; in ihren Kompositionen wird weibliche Erfahrung mit dem natürlichen Kreislauf von Wachstum und Verfall in Verbindung gebracht. Während die Figuren sich von Frühling bis Winter durch die Jahreszeiten bewegen, wird ein intellektueller, verkörperter und sinnlicher Veränderungsprozess dargestellt, wobei kein Zustand den anderen gegenüber als privilegiert oder minderwertig erscheint. In Die Göttinnen werden handgezeichnete Versatzstücke aus Text und Bild collagenartig um eine Reihe weiblicher mythologischer Gestalten angeordnet. In ihnen destillieren sich Goetzes ambivalente Anschauungen – einerseits verkörpern die Göttinnen Vorstellungskraft und Energie, andererseits sind sie von einer unterschwelligen Kritik an den Strukturen privaten Besitzes und spiritueller Kargheit begleitet. Hier, wie auch an anderen Stellen in Goetzes Werk, schwingt die Annahme mit, dass wir von Grund auf wissen und fähig sind, in der Welt zu sein, oder es zumindest einmal waren; dass es eine tiefe Verbindung und Intuition gibt, welche jedoch zum Schweigen gebracht, bisweilen sogar gewaltsam entkoppelt wurde. Goetzes Betrachtungen sind dabei von einem subtilen Humor und trotzartigen Spott durchsetzt, die eine Heiligsprechung spezifischer Ansichten unterbinden. Ihre Haltung und Sprache zeichnen sich durch eine bemerkenswerte Skepsis gegenüber Reinheit und Moralität aus. Sich selbst bezeichnete sie oft als „Hausfrau“, als „Loch“ oder als „Sau“ – ebenso sehr strategische Provokation und Widerstand wie auch lustvolle Unterminierung einer stark vereinfachten binären Opposition von Macht und Unterdrückung.

Zu ihren Lebzeiten erfuhr Goetze keine ernsthafte kritische Auseinandersetzung mit ihrer Praxis; vielmehr gab es die Tendenz, sie als Person und ihre Arbeit herabzusetzen, bisweilen sogar zu pathologisieren. Die Reaktionen der Mainstream-Presse sowie der Passant*innen an der Gedächtniskirche reichten von Interesse über Ablehnung bis hin zu einem allgemeinen Gefühl der Verunsicherung. Dieses kam umso deutlicher zum Tragen, als Goetze sich, anstatt in der Komfortzone Gleichgesinnter zu bleiben, ganz bewusst dazu entschied, auf ausgesprochen öffentlichen Plattformen zu sprechen und dort Raum für sich zu beanspruchen. Dementsprechend war sie vertraut mit der Angst vor dem Unbekannten und Unkontrollierbaren, Reaktionen die Goetze mit einer Kombination aus Verachtung und sardonischem Witz betrachtete und mitunter direkt in ihren Arbeiten adressierte:

Ohne Ohren, diese Sau
Nennt man sowas wirklich Frau? 
Und das bin ich.4

Wenn ein Körper liebt, ist er wunderbar verletzlich. Dieser Zustand faszinierte Goetze. Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen war die Sexualität, doch ihre Auseinandersetzungen gingen darüber hinaus. Sie bezogen antipatriarchalische, antikapitalistische und von ökologischem Bewusstsein geprägte Vorstellungen mit ein, die von scheinbar konkreten persönlichen Anliegen ausgehend eine sich auf umfassendere Belange ausdehnende Strahlkraft entwickelten. Wir wissen, dass es mehr als eine Realität gibt, eine Vielzahl von Wahrheiten oder „Schwellen“, die gefühlt oder erlebt werden, ungeachtet der dominanten Ideologie, die es bevorzugt, von nur einer verbindlichen Erzählung auszugehen. In gewissem Maße ist die von Goetzes Kunst ausgehende Konfrontation, und konfrontativ ist sie allemal, ein Beharren darauf, dranzubleiben und eine radikale Einheit der Teile aufrecht zu erhalten. „Muss ja nicht stimmen. – Aber manchmal ist es geheimnisvoll, wie alles zusammenhängt.“5

Fatima Hellberg

  1. Zitat von Helga Goetze, Salome aus der Serie Die Göttinnen, undatiert, Mischtechnik auf Papier, 41 x 29,5 cm.
  2. Aus Helga Goetze, „Ficken für den Frieden“ 1993, Interview, veröffentlicht auf „Youtube“ 30. März 2017
  3. Leila Dregger, „Helga Sophia Goetze – Die Frau wird zur glühenden Venus”, aus „Die weibliche Stimme“, undatiert, Zugriff über „Sterneck“
  4. Auszug aus Helga Goetzes Gedicht „Sperma, Piss und Menschenkot“, 1973, URL, ebd.
  5. Helga Goetze, „Philosophie und Religion“ zitiert (undatiert) auf „Helga Sophia Goetze“