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Karl Hans Janke
Das große Ziel Erde Nr. 2

8. Februar – 6. März 2020

Ausstellung bis zum 20. März 2020 verlängert.

  • Das große Ziel Erde Nr. 2, 1950 - 1970, Bleistift und Kugelschreiber auf Papier, 29,7 x 42 cm

Neue Erkenntnisse! Neue Entdeckungen! Permanente Entwicklung! - Die Moderne blickte in die Zukunft. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts bedurfte es keiner Anstrengung, den Optimismus einer neuen Epoche zu spüren. Aufsehenerregend waren die wissenschaftlichen Einsichten, derweil mannigfaltige Erfindungen den Alltag innerhalb weniger Jahrzehnte komplett veränderten. Doch anders als in anderen selbstbewussten Epochen fehlte der Moderne etwas. Kein Universalgelehrter, kein Da Vinci, kein Goethe, welcher seine Epoche in sich zusammenfasste. Es schien, als habe die Arbeitsteiligkeit moderner Produktion auch die Kunst von der Wissenschaft getrennt. Dabei strebte die Kunst nicht weniger nach Neuem, in einer rasanten Entwicklung löste sie sich von der Aufgabe des Abbildenden und damit aus ihrer einst selbstverständlichen Rolle, als kommentierender Chronist.

Karl Hans Janke war, 1909 geboren, ein Kind seiner Zeit. In einer zusehends visuellen Medienwelt aufwachsend, fand er seine optischen Anregungen und Herausforderungen nicht bei Goya oder Picasso, sondern, wie so viele Kinder der kommenden Jahrzehnte, in den Illustrationen populärwissenschaftlicher Literatur, in Riss- und Explosionszeichnungen der neuesten technischen Erfindungen und in den. von der Hochkunst missachteten Bildwelten der Maler einer Zukunft, welche die Science Fiction Literatur in Worte kleidete. Wohlgemerkt eine Science Fiction, die sich noch nicht soziologischen Parabeln und Dystopien verschrieben hatte, sondern ihr Motto im Titel eines Romans von Alfred Bester fand: „The Stars My Destination“. Doch auch Besters Buch weiß sehr wohl um die Schrecken jener Kriege, die Karl Hans Janke einmal als Kind, dann kurzzeitig als Soldat miterlebte, die Erlebnisse erschütterten ihn und er wurde noch im Militärdienst psychiatrisch behandelt. Es ist nicht überliefert, was Janke dazu brachte, sich voll und ganz dem Erfinden zu widmen, doch wird dieses Schaffen zum Lebenswerk des, nach dem Tod seiner Mutter 1949, meist, wenn auch entgegen seiner Selbsteinschätzung als kerngesunder Mann, in psychiatrischen Einrichtungen Lebenden.

Janke zeichnete seine Erfindungen und schuf handwerklich aufwändige Modelle, die wahrscheinlich leider komplett verloren gingen. Was seine Zeichnungen in wissenschaftlicher Perspektive bemerkenswert machte, war ihre Genauigkeit und Detailfreude, dank der seine faktisch meist absurden Erfindungen eine gewisse Überzeugungskraft enthielten. Trotz der unklaren technischen Realisierbarkeit bekam Janke ein Patent für ein GPS artiges Ortungssystem, auch seine Visionen von Raumgleitern zum touristischen Einsatz weisen auf eine besondere Fähigkeit Jankes: Er verstand es, Bedürfnisse aufzuspüren oder vorauszuahnen. Neben den großen Visionen entwarf er, vergleichbar mit Konrad Adenauer zig sinnige oder unsinnige Dinge für den Alltag im Hier und Jetzt und manche von ihnen hätten durchaus Chancen auf Erfolg gehabt. Doch seine wahre Bestimmung sah er nicht im Kleinen. Karl Hans Janke wollte der Menschheit den Weg in eine bessere Zukunft weisen.

Was brachte ihn dazu? Eines seiner Werke zeigt keine Erfindung, sondern zwei kämpfende Dinosaurier. Das markante Motiv erinnert deutlich an eine Zeichnung, welche Charles Knight 1897 anfertigte: „Leaping Laelaps“, diese erste Darstellung von Dinosauriern als agile Wesen, vermochte noch in den 1970er Jahren Vorstellungswelten zu beflügeln, wie muss sie auf einen jungen Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewirkt haben! In anderen Werken bezieht sich Janke auf die erstaunlichen Einsichten in den Erdaufbau, welche die Geologie zu Jankes Jugend gewann, kein fester Körper, sondern Landmassen auf einer brodelnden Kugel. Auch die, das Wissen seiner Zeit verarbeitenden Werke Jankes driften, gleich seinen Erfindungen, ins Phantastische, dienen als Ausgangspunkt ganz eigener Theorien. Man muss ihn sich als einen Begeisterten vorstellen.

Auf diesem Weg wurde Karl Hans Janke nicht zum weltenrettenden Erfinder, doch er interpretierte das Wissen seiner Zeit, zwischen populärwissenschaftlichem Buch und phantastischer Ideenwelt. Er agierte gleich einem Forscher, doch seine Experimente realisierte er in seinen Träumen. Diese Grenze überschritten ebenfalls namhafte Forscher seiner Zeit. Nikola Tesla, der den Wechselstrom zur Energieübertragung über lange Distanzen entwickelte, fabulierte von einer „Freien Energie“ die unerschöpflich aus dem Raum zu ziehen sei - eine Idee der Janke in seinen Ausführungen zum „Deutschen Atom“ ebenfalls nachhing.

So ist es zwischen all diesen unmittelbar und im Detail beeindruckenden Werken nicht wirklich möglich, Karl Hans Janke eine fixe Rolle zuzuweisen, ob Erfinder, Phantast, Designer, Getriebener, fasziniertes Kind oder phantastischer Künstler, nie scheint eine Zuschreibung zu genügen und nie stehen die einzelnen Anteile im selben Verhältnis zueinander. Eine enigmatische Person, kein Universalgelehrter, sondern ein Künstler, der die Komplexität der Moderne in sich aufgenommen hatte und sie abzubilden vermochte. Und dies unberührt von der heute so gegenwärtigen, mahnenden Stimme die sagt, es sei „fünf vor 12“, sondern im Geist der Moderne voll der Hoffnung, die Menschheit werde gute Lösungen finden. Naiv? - Wenn wir auf sein Bild von der zweiten Erde blicken und heute unmittelbar assoziieren, daß die gelandeten Raumfahrer nichts besseres zu tun hätten, als zu einer steinzeitlichen Lebensform zurückzukehren, so mag Janke unsere nach-modernen Sehnsüchte auf eine wissende Weise entlarven. Das vermag gute Kunst.

Text: Oliver Tepel