Marcel Bascoulard
Special Guest Jürgen Klauke

12. April – 17. Mai 2019
Eröffnung: 11. April 2019, 18 - 22 Uhr

  • ohne Titel, undatiert, Vintage Silbergelantine-Print, 12,8 x 8,8 cm

Delmes & Zander zeigt Fotoarbeiten des französischen Künstlers Marcel Bascoulard. Eine Referenz zur zeitgenössischen Kunstszene bildet die Arbeit “Selfperformance” (1972/73) von Jürgen Klauke, die ebenfalls im Rahmen der Ausstellung gezeigt wird.

Marcel Bascoulard wird 1913 in Frankreich geboren. In den frühen 30er Jahren besucht er die Kunstschule in Bourges. Neben seinem fotografischen Werk malt, zeichnet und schreibt Bascoulard ein Leben lang. Er lebt auf der Straße, selbstbestimmt, als Clochard, bis er 1978 unter ungeklärten Umständen ermordet wird. Er ist bis zu seinem Tod Teil des Stadtbildes von Bourges und bekannt als “der Mann, der sich als Frau verkleidete.”

In den frühen 40er Jahren entstehen erste Selbstporträts. Sie zeigen einen jungen Mann im Kleid, in unaufdringlicher Pose, kess aber sachlich, kein Make-up. Charakteristisch ist sein direkter, unverfrorener Blick in die Kamera. Dieser Blick zieht sich, zunehmend vom Alter gezeichnet, über vierzig Jahre durch sein Werk, eine eher asexuell wirkende Konstante im Wechselspiel mit einer Vielzahl teils aufwendiger Kleider, manche selbst genäht, andere im Tausch für seine Bilder erworben. Es sind die Momente, die Bascoulard für einen Augenblick in eine andere Zeit versetzen, ihn in verschiedene Rollen schlüpfen lassen: als unverheiratetes Fräulein oder alte Jungfer, als Lehrerin oder Ladenbesitzerin, gerne mit kleinem Spiegel in der Hand, der mal als Fächer, mal als Hackebeil dient, als Haushälterin mit Schürze oder Dame des Hauses, aber auch in Rollen die er zunehmend erfindet oder selbst erschafft, wie die futuristisch anmutende Geisha in Vinyl aus seinem späteren Werk. Bei einer polizeilichen Festnahme 1952, erwiderte Bascoulard auf die Frage, warum er sich in der Öffentlichkeit in Frauenkleidern zeige, es sei eine “künstlerische Notwendigkeit.” Bascoulards Werk entstammt ebendieser Notwendigkeit: eine künstlerische Obsession im Ursprung eines gestalteten Lebens, das Fragen aufwirft über Gender, Identität und Biografie.




Selfperformance, 13-teilig, 1972/73, Fotoarbeit auf Barytpapier, je 57 x 42 cm


Jürgen Klauke (* 1943) rückt bereits Ende der sechziger Jahre den eigenen Körper ins Zentrum seiner Fotoarbeiten und setzt ihn als unmittelbaren Ausdrucksträger künstlerischer Vorstellungen ein. Dabei wirft er mit provokativer Direktheit die Frage der geschlechtsspezifischen Rollenzuweisung auf, und führt diese ad absurdum. Seine Fotoarbeit "Selfperformance" (1972/73) dient über ihren seriellen Charakter hinaus auch inhaltlich als Projektionsfläche multipler Identitäten und Geschlechter, die Klauke bewusst als Teil seines künstlerischen Denkens und Handelns gestaltet. Jenseits der bloßen Aneignung von Weiblichkeit setzt sich Klauke hier mit den Begriffen der Selbstdarstellbarkeit und Transformierbarkeit auseinander, um neue sexuelle Typologien zu erforschen und diese im Medium der inszenierten Fotografie festzuhalten und zu objektivieren. Diese künstliche und künstlerische Brechung mit tradierter Rollen und normierter Auffassung von Identität in Klaukes Bilderwelten der frühen 70er Jahre bilden den Kern einer radikalen Praxis, die bis heute für eine junge, performativ orientierte Künstlergeneration von wegweisender Relevanz ist.

"Er ist eine singuläre Erscheinung in der Kunst der Gegenwart. Er hat vieles erfunden, was längst zu ihrem selbstverständlichen Repertoire gehört, und die Kunst der letzten 30 Jahre maßgeblich beeinflusst hat. Er ist ein Pionier auf dem Terrain multimedialer und interdisziplinärer künstlerischer Exploration. Sein Werk löst zugleich Faszination und Irritation aus, oszilliert beständig zwischen den Polen von Anziehung und Abstoßung."
Klaus Honnef über Jürgen Klauke, 2002

Wir bedanken uns herzlich bei Jürgen Klauke für die Zusammenarbeit bei dieser Ausstellung.