Winterpause
23.12.2019 – 6.1.2020

Alexandru Chira
Into the Land Lab

9. November – Ausstellung verlängert
bis zum 31. Januar 2020

Eröffnung: 9. November, 18 – 21 Uhr

Kuratiert von Erwin Kessler

  • The Geometer's House – Study for Tele-Poem, 1990, Öl, Ziegelpulver und Stärkemehl auf Leinwand, 188,5 x 116 cm

Alexandru Chira (*1947, Tauseni, Rumänien – †2011, Bukarest, Rumänien) war ein rumänischer Künstler und Professor für Malerei an der Kunstakademie in Bukarest.

Als sein Heimatort Tauseni in den 1990er Jahren unter einer langanhaltenden Dürre litt, begann Chira ein komplexes Monument zu entwickeln das die Aufgabe haben sollte Regen und Regenbögen herbeizuführen, den Wohlstand zu fördern und Hochwasser zu verhindern. Es entstand eine gigantische Gruppe aus 18 Skulpturen „De-signs towards the sky for the rain and the rainbow“ (1994 – 2004) welche sich auch heute noch auf einem Hügel in der Mitte des Dorfes befindet.

Chiras Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen präsentiert, darunter die Architektur-Triennale Lissabon, Palácio Sinel de Cordes, Lissabon; The Sao Paolo Biennial Art Exhibition São Paulo; The Visual Arts Museum, Galaţi; und im The National Museum of Contemporary Art (MNAC), Bukarest, das 2015 eine Retrospektive des Künstlers zeigte.

Seit Ende 2017 vertritt Delmes & Zander das Werk von Alexandru Chira exklusiv. 



Alexandru Chiras Arbeit kartografiert auf systematische und umfassende Weise einen fiktiven Forschungsbereich. Sie behandelt eine schamanische Sphäre, die sich, durch die spirituelle Heraufbeschwörung von Regen, vom Himmel bis zur Erde erstreckt. Wie eine Kommandozentrale für meteo-ästhetische, metaphysische Phänomene sind seine Arbeiten (Gemälde, Zeichnungen, Objekte), deren einzelne Elemente an Schalter, Bildschirme, Tastaturen und Hebel erinnern, an den Wänden installiert. Fast scheint es, als könne der Betrachter die Tasten mit den Augen berühren, schalten und drücken. Dieses hochkomplexe, aber präzise morpho-ästhetische Instrumentarium dient offenbar der Beeinflussung von Meteorologie und Atmosphärenphysik. Dabei bildet die Beherrschung des Wetters und klimatologischer Phänomene eher die metaphorische Hülle für einen tiefergehenden Versuch, das Denken und Fühlen zu beherrschen und das Imaginäre auszuweiten. Chira hat ein psycho-piktoriales Labor fortgeschrittener, vager Technologien der schimärischen Forschung entwickelt. Vielleicht vermögen sie nicht die äußeren Klimabedingungen zu ändern, aber zielen auf eine innere Euphorie.

Von in Totems und Symbole verwandelten Naturkräften inspiriert, gründet der poetisch verschobene Szientismus in Alexandru Chiras Malerei auf einem mystischen Animismus. Selbst Nachfahre einer Bauernfamilie, arbeitete Chira in seinem Kunstlabor auf die gleiche Weise, wie Bauern das Feld bestellen: Er säte Symbole in den Gemälden, verpflanzte sie bisweilen, um neue semiotische Verbindungen zu schaffen, erntete sie dann und sammelte alles in gemalten Maschinen verschiedener Formen und Ausmaße. Seine symbolische Kunst-Landwirtschaft ist buchstäblich bodenständig, extrahiert aus der Arbeit, den Werkzeugen und den Jahreszeiten der land-wirtschaftlichen Welt und durch die Drehung ins Poetische verwandelt. Pflügen und Säen ist Kunst, Arbeit und Kreativität. Regen ist Offenbarung, Glück und Fruchtbarkeit. Schlange ist Sex, Weisheit und Tod. Sicherheitsnadel ist Vulva, Auge und Kleinkind. Hügel ist Brust, Kirche und auch UFO. Seine Arbeit ist visuell, aber auch lexikalisch, die Symbole wirken wie eine poetische, mystische Sprache, artikulieren Sätze wie The Winged Spindle – Study for a Stereopoem, The Suspended Village – Study for a Stereopoem, The Rose of the Senses, The Winged Lamp – Study for a Telepoem. Dies sind sowohl Titel einiger der ausgestellten Werke, als auch tatsächlicher Inhalt, gesehen als eine sich ihrer selbst bewusste Sprache aus visuellen Symbolen, die auf semantische Weise operieren. Zugleich astral und erdverbunden, irritiert Alexandru Chiras Arbeit, weil sie Beiträge aus scheinbar unzusammenhängenden, nicht miteinander kommunizierenden Universen und kulturellen Idiomen vermischt. Neben den fundamentalen mit der Feldarbeit verbundenen Utensilien trug er Elemente aus einer rhapsodischen Rekonstruktion der Geometrie, aus der spekulativen Astronomie und aus Grundlagen der Chemie in sein Labor. Seine Arbeiten weisen häufig Diamantformen wie Rauten auf und erinnern damit an die Formel für aromatische Kohlenwasserstoffe (wie Vinyl oder Phenyl). Sein Interesse für Biologie spiegelt sich in den vielen figuralen Konstruktionen, in denen sich komplexe Symbole und abstrakte Formen miteinander kombinieren und so menschliche Gesichter mit Mündern, Augen und Nasen erkennen lassen. Die rituelle Bedeutung von Zwillingen und verdoppelter Arbeiten ist ebenfalls Teil von Chiras parawissenschaftlichen Untersuchungen, die eine Welt der enigmatischen Beziehungen und Korrespondenzen nahelegen.

Das Land Lab von Chira ist mit Instrumenten zur Erforschung innerer Himmel mittels seiner poetischen Kosmo-Geo-Mystik ausgestattet. Es handelt sich dabei um außerordentliche Arbeiten, deren undurchsichtige wissenschaftlichen Erkenntnisse durch ihr verführerisches, ästhetisches Charisma überstrahlt werden.

Erwin Kessler, Kurator